Eine kurze Geschichte des Alphabets

Verba volant, scripta manent. - Dieses lateinische Sprichwort bringt eine Grundaussage zur Sprachentwicklung kurz und prägnant auf den Punkt. Gesprochene Sprache ist ständiger Veränderung ausgesetzt und hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren wie der sozialen und geographischen Herkunft des Sprechers ab. Die geschriebene Sprache hingegen ist weitaus konservativer und folgt dem Veränderungsprozeß von Sprachen weitaus langsamer.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Bilderschriften und Wortschriften. Bilderschriften, die zu den ältesten Schriftarten gehören, enthalten einzelne Zeichen für jedes einzelne Vokabel und waren daher außergewöhnlich schwerfällig. Zu ihnen gehören die älteste ägyptische Schrift, die chinesische Schrift, alte Schriften des Orients und der alten Indianerkulturen Mittelamerikas.

Man unterscheidet zwischen Piktogrammen, die das mehr oder weniger vereinfachte Bild des Gegenstandes wiedergeben, sowie Logogrammen, Symbolen und Zeichen zur Darstellung nicht abbildbarer Begriffe (z.B. Luft, Hitze...) bzw. Eigenschaften (z.B. naß, kalt, ....). Derartige Logogramme werden auch heutzutage in unserer eigenen Kultur verwendet. Man denke nur an die Verkehrszeichen oder die Zeichen §, %, &, $,♀, ♂, ♪ usw. Diese Zeichen sind international und werden auf der ganzen Welt verwendet und erkannt. Viele der alten Bilderschriften sind jedoch nach wie vor noch nicht entschlüsselt.

Eine wichtige Rolle bei der Entschlüsselung der Altägyptischen Keilschrift spielte eine Entdeckung, die während dem Ägyptenfeldzugs Napoleons gemacht wurde. In der Nähe des Forts Raschid fanden die Franzosen den sogenannten Stein von Rosette, einem Basaltblock, auf dem ein und derselbe Text in altägyptischen Hieroglyphen, demotischer Schrift und in bekannter griechischer Sprache eingeritzt war und der einen wichtigen Schritt bei der Entzifferung der Hieroglyphen darstellte. Der Stein von Rosette befindet sich heute übrigens im British Museum, London.

Die Bilderschriften eigneten sich jedoch nur beschränkt zur Darstellungen von Kalendern und jahreszeitlichen Beobachtungen, was zu den Aufgaben der Priesterschaften gehörte. Daher wurde schließlich eine dritte Art von Zeichen, Phonogramme, in die Priesterschrift aufgenommen. Dies geschah über den Umweg von Wortspielen, da mitunter bereits zuvor Bilderzeichen verwendet worden waren, um Wörter aus Silben aufzubauen, so als würde man im Deutschen die Bilder für „Uhr“ und „Laub“ zusammensetzen, um damit das Wort „Urlaub“ darzustellen.

In einem langsamen Prozeß entwickelten sich somit Silbenschriften, die zum Beispiel bei den alten Völkern des Mittelmeerraumes, auf Zypern und bei den Persern gebraucht wurden. Ihre Schriftzeichen stammten aus Ägypten und Mesopotamien. Um etwa 1500 schließlich begann ein semitischer Stamm in Phönizien seine Sprache mit Hilfe von 22 ägyptischen Symbolen zu schreiben, die jedoch nur Konsonanten darstellten. Dies war möglich, da im Hebräischen die Konsonanten die Hauptbedeutung der Wörter trugen und die Vokale von untergeordneter Bedeutung waren.

Über Umwege, vermutlich über Zypern, kam dieses Alphabet nach Griechenland, wo auf Grund der starken Bedeutung der Vokale im Griechischen sieben Vokalzeichen eingefügt wurden: α ε η ι ν ο ω. Während bis zu diesem Zeitpunkt nur einfache Inschriften oder heilige Texte, die immer wieder gelesen wurden, niedergeschrieben wurden, war es nun auch möglich, komplexere grammatikalische Strukturen wie inneren Vokalwechsel (im Deutschen z.B. singen, sang, gesungen) auszudrücken und somit die Grundlage für die spätere griechische Literatur gelegt. Die italischen Völker, deren Sprachen weniger Vokale verwendeten als das Griechische, schalteten die beiden Zeichen η ω wieder aus dem Alphabet aus.

Da zu dieser Zeit die Kunst des Schreibens und des Lesens allerdings nur einer kleinen Schicht von Menschen zugänglich war, gab es keine fixen Regeln und es war meist dem Zufall überlassen, ob Texte von links nach rechts, von rechts nach linke, von oben nach unten oder von unten nach oben geschrieben wurden. Solange es sich um das Privileg von wenigen Eingeweihten handelte, war rasche Erkenntlichkeit keine Notwenigkeit und das Muß der Vereinheitlichung nicht gegeben. Die Verwendung unterschiedlichster Schreibutensilien und die Ausspracheunterschiede zwischen Menschen in weit entfernten Gebieten Jahrtausende vor der Erfindung von Tonträgern und moderner Kommunikationstechnologie führte rasch zu unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Gebieten, sodaß heute in den Nachfolgealphabeten kaum mehr Gemeinsamkeiten erkennbar sind.

Die Christianisierung und Missionierung führten jedoch dazu, daß im Laufe der Zeit die Kunst des Schreibens und des Lesens immer mehr Menschen zugänglich wurde. In Klöstern und Konventen wurden Abschriften der heiligen Schriften angefertigt und ganze Schreibstuben unterhalten.

In verschiedenen Teilen Nordeuropas gab es eigene Entwicklungen. Schon vor der Christianisierung besaßen einige Stämme eine eigene Schrift, die sogenannten Runen, die vermutlich durch Seefahrer auch nach Großbritannien gebracht wurden. Sie weisen keinerlei Ähnlichkeiten mit irgendeiner anderen Schrift auf, sind aber vermutlich eine degenerierte Form einer etruskischen Schrift, die durch germanische und keltische Stämme durch ganz Europa gebracht wurden.

Auf Steindenkmälern in Schottland, Wales und Irland finden wir Inschriften anderer Art, die sogenannte Ogamschrift, die eine Art Code des lateinischen Alphabets darstellt, der wohl deshalb verwendet wurde, weil er sich für die verwendeten Schreibutensilien besser eignete. Die ältesten Inschriften stammen aus dem 4.Jahrhundert n.Chr., doch die Schrift ist sicherlich älter. Insgesamt besteht die Schrift aus 20 Buchstaben.

Auch in Südosteuropa kam es zu einer eigenständigen Entwicklung. Im 9. Jahrhundert übersetzten die beiden aus Thessaloniki stammenden Missionare Kyril und Method die Heilige Schrift ins Altbulgarische, auch Kirchenslawisch genannt. Hierfür verwendeten sie ein eigenes Alphabet, die sogenannte kyrillische Schrift, die auf der griechischen Schrift basierte, jedoch die phonetischen slawischen Besonderheiten berücksichtigte und auch heute noch im Russischen, Bulgarischen, Serbischen und Ukrainischen verwendet wird.

Gegen Ende des Mittelalters führte die Erfindung des Buchdrucks zu einer vereinheitlichten Darstellung des lateinischen Alphabets, wobei sich die geradlinigen, italienischen Buchstaben durchsetzten. Nur in Deutschland blieb die gebrochene gotische Schrift, auch in Folge ihrer Verwendung bei der Bibelübersetzung Luthers, weiterhin in Verwendung. In den einzelnen Nationalsprachen wurden zusätzlich zur lateinischen Standardschrift einzelne Sonderzeichen für die jeweils sprachspezifischen Laute eingeführt (z.B. Deutsch ä, ö, ü, ß; Spanisch ñ, Französisch ç, Schwedisch å usw.).